Googles Masterplan

In den letzten Wochen gab es, was Google betrifft, zwei interessante Meldungen: zum Einen wurde das schon länger angekündigte Chrome OS in einer ersten Preview-Version der Öffentlichkeit präsentiert, und zum Anderen hat Google einen kostenlosen und öffentlichen DNS-Service enthüllt.

Was beide Meldungen gemeinsam haben? Sie verraten, wenn man zwischen den Zeilen liest, eine Menge über Googles Strategie - und die hat es in sich, wenn man mal ein Weilchen darüber nachdenkt (und ja, ich verspreche, die zwar berechtigte, aber in letzter Zeit gebetsmühlenartig immer und immer wieder auf dieselbe Weise runtergeleierte Datenschutz- und Profiling-Debatte hier kein einziges Mal zu erwähnen).

Fangen wir mit Chrome OS an. "Nur eine weitere Linux-Distribution", mag man im ersten Moment meinen, aber schon der oben verlinkte Artikel klärt anhand der veröffentlichten Preview auf: Chrome OS basiert zwar auf Linux, aber auch nur deshalb, weil Google keine Lust hatte, ein komplettes Betriebssystem "from scratch" zu entwickeln, wenn doch schon ein ausgereiftes mit allerlei Treiberunterstützung und problemlos verfügbarem Quellcode auf dem Silbertablett bereitliegt. In der Praxis dürfte sich der potente Linux-Unterbau ziemlich langweilen, denn die einzige Anwendung auf Chrome OS ist - ein Browser!

Google fährt mit Chrome OS mehrere Angriffe parallel auf die anderen etablierten Platzhirsche des IT-Sektors. Gleich zwei Salven gelten Microsoft, die als dominantester OS-Hersteller in der durchaus geschickten Position sind, dass dieser ganze neumodische Webanwendungs-Kram ohne Browser nun mal nicht läuft, und auch wenn der IE weiterhin Marktanteile verliert - die alternativen Browser laufen auch nicht ohne Betriebssystem auf einem PC bzw. Netbook. Spätestens an dieser Stelle greifen die meisten Menschen dann zu Microsofts Produkten, sei es aus Gewohnheit oder einfach nur, weil Windows eben gleich auf dem Rechner installiert war. Die erste Attacke gilt daher ganz klar der Windows-Plattform, die im Grunde bei einem rein zum Internet-Surfen genutzten PC/Netbook genauso unterfordert ist wie der Linux-Unterbau von Chrome, nur dass Letzterer von Google immerhin ein Stück weit "downsized" werden kann, um z.B. die Kaltstartgeschwindigkeit zu erhöhen.

Angriff Nummer Zwei ist weniger offensichtlich, aber er zielt auf eines der größten Machtinstrumente des einundzwanzigsten Jahrhunderts: die Default Settings. Momentan teilt sich diese Macht - hier mal nur betrachtet für den Web-Bereich bzw. alles, was zum Websurfen nötig ist - auf mehrere Marktteilnehmer auf. Microsoft hat einen guten Teil vom Kuchen abbekommen (IE als vorinstallierter Standard-Browser, vorkonfigurierte IE-Einstellungen etwa für die Suche), weitere Teile halten die alternativen Browserhersteller (Werkskonfiguration ihrer Browser) und nicht zuletzt die Provider (die bei der Einwahl übermittelten DNS-Server-IPs). Die Macht, die diesen Voreinstellungen innewohnt, entspringt teilweise der Faulheit und Unkenntnis der meisten User, zu einem guten Teil aber auch der Komplexität, die z.B. eine Browserkonfiguration heutzutage erreicht hat: bei etwas so komplexen kann selbst ein Fachmann kaum mehr alle Einstellungen händisch durchgehen, die Bedeutung jedes Reglers erforschen und dann manuell einstellen (wer mir nicht glaubt: Firefox starten, "about:config" aufrufen und ob der vielen Optionen staunen). Will sagen: die meisten Standardeinstellungen werden nie geändert, demzufolge hat derjenige, der sie kontrolliert, effektiv die von der Mehrheit der User genutzte Konfiguration völlig in der Hand. Wer ernsthaft an der Macht zweifelt, die dieser "Kontrolle über die Massen" innnewohnt, der sehe sich mal die durchaus berechtigten Klagen der Webentwickler über den Internet Explorer und seine nach wie vor "merkwürdige" Umsetzung vieler Webstandards näher an. KEINER, wirklich ABSOLUT NIEMAND, der auch nur den Hauch einer Ahnung von diesem Job hat, will freiwillig für den IE entwickeln. Während man die anderen drei großen Browser-Engines fast in einem Abwasch abfertigen kann, weil das, was etwa für den Firefox entwickelt wurde, mit großer Sicherheit und wenigen bis gar keinen Modifikationen auch auf Opera und Safari/Chrome läuft, kann man mit ebensolcher Sicherheit davon ausgehen, dass man für den IE erst noch unzählige Verrenkungen unternehmen muss, bis der Code da auch das tut, was er soll. Trotzdem kann jeder brauchbare Webentwickler eine Unzahl von Hacks und Tricks für solche "Verrenkungen" aus dem Ärmel schütteln, einfach weil die Hälfte seiner Arbeit darin besteht, die Kompatibilität mit dem IE sicherzustellen - denn ignorieren kann man diesen Schrottbrowser aufgrund des immer noch beachtlichen Marktanteils nur in den allerseltensten Fällen. DAS ist eine winzige Kostprobe der Macht, die sich aus Default Settings ergeben kann.

Neben den Browsern hatte ich noch einen weiteren Punkt genannt, und nicht ohne Grund: die Standard-DNS-Server, die normalerweise der Provider bestimmt, indem er ihre IP-Adressen etwa bei der DSL-Einwahl (z.B. per PPPoE oder ähnlichen Protokollen) an seine Kunden überträgt. DNS ist ein vom durchschnittlichen User eher wenig beachteter Dienst; Beachtung erfährt er eigentlich nur, wenn er mal ausfällt, denn dann ist "das Internet kaputt". Stimmt zwar eigentlich technisch gesehen nicht, aber wer kennt schon die IP von www.spiegel.de auswendig? Eben: keiner. DNS ist daher für die Nutzbarkeit einer Internetverbindung mittlerweile genau so wichtig wie die Verbindung selbst, und durch seine momentane Funktionsweise ein gewaltiges Machtinstrument. Nicht etwa, weil man durch das Ausknipsen von DNS-Servern "das Internet kaputt machen" kann, das wäre viel zu sehr mit dem Holzhammer gedacht. Viel interessanter ist es, DNS-Antworten manipulieren zu können. Der weltweit populärste Weg, Internetzensur technisch umzusetzen, baut auf Manipulation des DNS auf. Abseits von knallharter Zensur kann man aber noch mehr mit der Manipulation von DNS-Antworten anfangen, wie z.B. eine mittlerweile recht gängige Praxis vieler Provider demonstriert: Anfragen nach unbekannten Domains werden nicht, wie vorgesehen, mit einer Fehlermeldung beantwortet, sondern unisono auf eine spezielle IP umgeleitet, auf der der fragliche Provider selbst eine Art Portalseite betreibt, die den User über die nicht existente Domain informiert und gleichzeitig - und hier beginnt der Nutzen für den Provider - irgendwelche Suchergebnisse zu dem betreffenden Domainnamen plus schön passend ausgewählter Werbung darstellt.

Die DNS-Server wären sicher auch ein erster Ansatzpunkt, wenn ein Provider danach strebte, die normalerweise vorhandene Netzneutralität für seine Kunden gezielt zu brechen. Angebote wie dieses sind glücklicherweise noch Fiktion, aber mit Sicherheit sehen einige feuchte Providerträume so ähnlich aus wie das satirische Beispiel. Das DNS wäre der bequemste Weg, um solcherart "Partitionierung" des Netzes durchzuführen: der Server erkennt einfach anhand der anfragenden IP, welche Pakete ein Kunde gebucht hat, und gibt dementsprechend die korrekte Server-IP heraus oder leitet den User auf eine Seite des Providers um, wo ihm großzügigerweise gleich der Kauf des entsprechenden Pakets angeboten wird. Zwar ließe sich so eine "Sperre" einfach umgehen - ein Punkt, der ja beispielsweise in der Diskussion zur sogenannten Kinderpornosperre immer und immer wieder (zu Recht) betont wurde - aber vermutlich würden sich entweder genügend Deppen finden, die trotzdem zahlen, oder man sperrt gleich per simpler und billiger Port-Komplettsperre jegliche Anfragen auf den DNS-Port 53 nach außerhalb des Provider-Netzes. IP-Sperren wären natürlich noch effektiver, aber auch aufwendiger in Einrichtung und Wartung und damit teurer.

Und diese Macht, die auch der Kontrolle über das DNS innewohnt, bringt mich direkt zu Google-Aktivität Nummer Zwei: dem neuen Google-DNS-Serverdienst. Der ist im Grunde für Google echtes Neuland. Bislang beschränkte sich Google auf das Anbieten von für den User direkt sichtbaren Diensten oberhalb von HTTP - Webanwendungen eben: Google-Suche, Maps, YouTube, Text und Tabellen, etc., alles für sich genommen nützliche Dienste. DNS ist für sich genommen gar kein nützlicher Dienst: was brächte es mir, wenn ich herausfinden kann, dass www.spiegel.de auf 195.71.11.67 verweist, wenn dort nichts zum Lesen bereitläge? DNS ist eine Art unterstützender Dienst: er macht die anderen, direkt und für sich genommen nützlichen Dienste besser erreichbar und damit noch nützlicher.

Warum also betritt Google dieses Neuland, das doch die Provider eigentlich praktischerweise schon abdecken? DNS-Server zu betreiben kostet immerhin Geld. Die Antwort erschließt sich, wenn man sich Googles Position in der Netzneutralitätsdebatte vor Augen führt: Google ist sehr stark pro Netzneutralität eingestellt und sieht Provider und Carrier am liebsten als willenlose Datentunnel an, die einfach nur dafür zu sorgen haben, dass die Gigabytes an Daten, die Google jede Sekunde rauspustet, zuverlässig und schnell bei den Google-Nutzern landen. Das hat simple ökonomische Gründe: das eigentliche Geld wird heute nicht mit Zugängen, sondern mit Content verdient, und so kann Google das Maximum an Profit selbst abschöpfen. Von diesem Kuchen sollen die Provider nach Möglichkeit nichts abbekommen, weswegen es äußerst sinnvoll ist, sie so weit wie möglich in die Rolle des reinen Datenkanals zu drängen - zum Beispiel, indem man sie von allen möglichen weitergehenden Aufgaben neben dieser Bereitstellung des "dummen" Kanals entbindet, und genau hierzu zählen DNS-Server. Google festigt mit seiner eigenen DNS-Infrastruktur seine Position und seinen Anspruch als Top Dog unter den Content-Verwertern und drängt die Provider stärker in die ihnen von Google zugedachte Rolle des reinen Infrastrukturanbieters.

Das bringt allerdings alles nichts, wenn die User die Google-DNS-Server nicht nutzen...und genau an dieser Stelle kommt nun wieder die Macht der Default Settings ins Spiel. Ob ein Internet-Device nämlich die vom Provider angebotenen DNS-Server nutzt oder nicht, ist in erster Linie Sache der Konfiguration, und die wiederum rührt kaum ein User jemals an. Es ist also äußerst vielversprechend für Google, so viele Default Configs wie möglich unter seine Fuchteln zu bekommen, und diese anschließend einheitlich auf Googles DNS-Server einzunorden. Und wenn man das mal so betrachtet ist Google nicht schlecht dabei...die ganzen Android-Handys z.B. sind potenzielle Kandidaten (ich weiß leider aus Mangel eines Android-Smartphones nicht, welche DNS-Settings die aktuellen Versionen so per Default mitbringen, aber ich vermute dass das entweder schon Googles DNS-Server sind oder diese dort bald zum Standard werden). Ebenso natürlich alle auf dem zukünftigen Chrome OS basierenden Internet-Surf-Stationen bzw. -Nettops - erste Geräte mit Chrome OS sind für kommendes Jahr angekündigt. Und ich bin mir sicher: Chrome für den Desktop wird auch irgendwann dem User freundlicherweise anbieten, die Google-DNS-Server in die Windows-Netzwerkkonfiguration als Standard einzutragen, um "das Internet-Erlebnis schneller und noch dynamischer zu machen". Oder die Namensauflösung des Betriebssystems gleich umgehen.

Insgesamt ist die größte Gemeinsamkeit dieser beiden Maßnahmen, dass Google versucht, unerwünschte Mittelsmänner bzw. "Zulieferer" zu umgehen oder in ihrer Bedeutung zu beschneiden, ob das nun Microsoft im einen Fall oder die diversen Provider im anderen sind. Ein durchaus schlauer Schritt mit generell nicht ganz unerfreulichen Effekten in Richtung Festigung der Netzneutralität...ich bin mir nur noch nicht so wirklich sicher, ob ich das "big picture" als Ganzes ebenso gutheißen will.

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