Wer hätte das gedacht: 25 Jahre nach Tschernobyl blickt die Menschheit wieder mit Angst und Schrecken auf einen einzigen Punkt der Welt, auf eine Kiste aus Beton und Stahl, in deren Inneren Vorgänge ablaufen, über die jegliche Kontrolle verloren gegangen ist. Vorgänge, die in ihrer Macht das näheste Äquivalent zum göttlichen Akt der Schöpfung darstellen, das wir Menschen kennen - nur eben andersrum, statt Schöpfung steht gnadenlose Zerstörung auf dem Programm, wenn sich eine mehrere tausend Grad heiße nukleare Brühe Stück für Stück durch meterdicke Betonfundamente frißt, dabei aus sich selbst heraus immer heißer und heißer werdend, während sie zig Quadratkilometer Land um sich herum auf Jahrzehnte hinaus kontaminiert.
Ich geb zu, ein gewisser Teil von mir ist fasziniert von dem, was da in den drei außer Kontrolle geratenen Reaktoren in Japan gerade abläuft. Ja, ich weiß, das ist politisch sowas von inkorrekt, wie kann ich das nur wagen, immerhin sind geschätzte Zehntausende Menschen bei dem vorangegangenen Erdbeben samt Tsunami ums Leben gekommen, Betroffenheit zu zeigen ist doch das Mindeste. Aber ganz ehrlich...nach dem ersten Schock (und in diesem Fall einem kleinen zweiten, der kam, als mir klar wurde, dass Shanghai - die sehr coole und sehenswerte chinesische Metropole, in der eine meiner Schwestern erst letztes Jahr einige Monate Praktikumszeit und ich mit meiner Familie einen Urlaub verbracht haben - keine tausend Kilometer von Japan entfernt liegt) hält sich so richtige Betroffenheit bei mir nie lange, wenn es nicht um Dinge geht, die in meinem direkten Umfeld passieren und mir daher persönlich besonders nahe gehen. Und darin, weiterhin Betroffenheit zu heucheln, bin ich nicht besonders gut, zumal ich gerade so ein Verhalten für eine Verhöhnung der Opfer halte.
Also beobachte ich jetzt eben interessiert, wie sich die Lage dort unten entwickelt, und fast noch interessierter, was hier bei uns im Land seither geschieht. Denn man könnte meinen, dass einige Leute hier schlagartig eine ähnliche Ehrfurcht vor den Mächten der Atomphysik gepackt hat wie mich, nur dass dieselben Personen noch vor wenigen Monaten gemeint haben, diese Mächte derart sicher gezähmt zu haben, dass man sie ruhig noch ein Jahrzehnt länger zur Energiegewinnung nutzen könne - und dann vielleicht noch eines, und noch eines, und warum nicht noch eines? "Salamitaktik" nennt man diese im politischen Betrieb äußerst gängige Verhandlungsmethodik, deren Auftakt wir letztes Jahr mit dem Beschluss der Laufzeitverlängerung für die von den Energiekonzernen geliebten, weil längst abgeschriebenen Uralt-Meiler miterleben durften - nur dass die Salami in diesem Zusammenhang in jedem weiteren Zentimeter, den man abschneidet, eine tödliche Überraschung bergen könnte.
Und ich meine "tödlich" im Sinne von "uns ausrottend", nicht im Sinne von "einmal im Jahr fällt jemand mal beim Montieren von Solarpanels vom Dach" (kein Scherz, solche "Argumente" gegen regenerative Energien musste ich schon ernsthaft lesen). Wenn im an allen Ecken und Enden dicht besiedelten Deutschland ein glühender, radioaktiver Schleimball einen bedeutenden Teil des Landes unbewohnbar machen sollte, sterben nicht nur Zehntausende, sondern die Überlebenden können sich auch darauf gefasst machen, in der wirtschaftlichen Entwicklung ein paar Jahre bis Jahrzehnte in die Vergangenheit katapultiert zu werden. Angesichts solcher Aussichten ist es auch kein Wunder, dass sich beispielsweise meines Wissens kein einziger Versicherer der Welt darauf einlässt, vollumfänglich allein für die wirtschaftlichen Schäden eines möglichen Super-GAUs in Deutschland geradezustehen. Und nein, da hilft auch kein "aber die Wahrscheinlichkeit ist doch soooo gering"-Gelaber - Risiko ist nach gängiger Lehrmeinung Eintrittswahrscheinlichkeit multipliziert mit zu erwartendem Schaden, und wenn letztere Variable dem Unendlichen zustrebt, kann die erstere noch so klein sein, das resultierende Risiko ist einfach nicht tragbar.
Im Klartext: wer jetzt noch Atomkraft für eine saubere, billige und sichere Energiequelle hält, sollte dringend mal die Blase, in der er offensichtlich lebt, zum Platzen bringen und einen Abgleich mit der Realität durchführen. Wo man bei Tschernobyl noch hämisch auf die Steinzeit-Technik der Russen herabblicken konnte, muss man im Fall von Japan unumwunden eingestehen, dass all die tolle Hightech am Ende auch nicht der Weisheit letzter Schluss war. "Aber Erdbeben der Stärke 9.0 und Tsunamis gibt es in Deutschland nicht" hab ich in letzter Zeit häufig als Erwiderung gelesen und gehört - ja, stimmt, sowas ist hier wirklich äußerst unwahrscheinlich, nur gibt es solch starke Erdbeben selbst in Japan fast nie, statistisch alle irgendwastausend Jahre einmal, was auch der Grund dafür war, dass die Kraftwerke nur bis zu einer deutlich niedrigeren Bebenstärke und Tsunami-Höhe abgesichert sein mussten. Nicht vorhandene Parallelen zwischen dem japanischen Ausnahmefall und dem deutschen Alltagsfall als Beleg für eine Unvergleichbarkeit beider Situationen heranzuziehen ist echt eine lausige Argumentationsweise, insbesondere wenn es um einen Super-GAU geht, der per Definition schon eine Situation beschreibt, die außerhalb dessen liegt, was man sich üblicherweise an Störfällen so vorstellen kann und welche ein Atomkraftwerk daher aushalten muss. Diese Dinger haben es nun mal an sich, dass man sich vorher nicht ausmalen kann, wie es dazu wohl jemals kommen könnte, und nachher dasteht und sich fragt, wieso man das nicht vorhergesehen hat.
Dazu kommt die Mär vom "billigen" Atomstrom, bei deren rechnerischem Beleg konsequent die unkalkulierbaren (wie praktisch :-) ) aber mit Sicherheit gewaltigen (...schade aber auch :-( ) Folgekosten der Stromerzeugung mittels Kernspaltung unter den Teppich gekehrt werden. Die ungeklärte Endlagersituation fällt einem da ja im Allgemeinen als Erstes ein, etwas weniger bekannt ist ein anderer Aspekt, über den z.B. Technology Review in einem auf heise online verlinkten Artikel einmal berichtet hat: der sogenannte Rückbau, also der umweltverträgliche Abriss der alten Kernkraftwerke. Weil die Dinger wie verrückt strahlen, muss ein gewaltiger Aufwand getrieben werden, dessen preisliche und zeitliche Dimensionen die des Aufbaus derselben Anlage um ein Vielfaches übersteigen - von 18 Jahren und 3 Milliarden Euro ist in besagtem verlinkten Artikels die Rede, und das für ein eher kleines Kraftwerk aus DDR-Zeiten. Ich wiederhole: 3 Milliarden! 18 Jahre! EIN EINZIGES Kraftwerk! Und wir haben noch 17 weitere davon in der Gegend rumstehen! Kein Wunder, dass sich deren Besitzer mit Händen und Füßen dagegen wehren, die Dinger endgültig abzuschalten - nicht nur bringen sie dann kein Geld mehr in die Kasse, nein, zusätzlich müsste man dann auch noch von seinem bequemen Sessel aufstehen und den Dreck unter Einsatz irrwitziger Geldsummen beseitigen, der sich jahrzehntelang angesammelt hat. Das hat irgendwie was von "Ja Mama, morgen bring ich den Müll ganz bestimmt raus" - mit dem kleinen Unterschied, dass die Atomindustrie bis heute nicht weiß, wo eigentlich die Mülltonne steht.
Nun gut, in gewisser Weise mache ich es mir auch leicht - sich über etwas zu beschweren ist eines, eine Alternative anzubieten eine ganz andere Sache. Fakt ist mal, dass ich auch nicht die perfekte Alternative zur Hand habe. Klar gehören regenerative Energien weiter ausgebaut, ich bin auch ein großer Fan der Idee, brachliegende Gegenden wie Wüsten mit Solarkollektoren zuzukleistern, so lange man das örtlich und in Kombination mit anderen Energiequellen diversifiziert genug betreibt, um keinen "Single Point of Failure" zu schaffen. Die "eine, fette Energiequelle" wird es in absehbarer Zukunft - zumindest bis zur Erfindung der wirtschaftlich nutzbaren Kernfusion - wohl nicht mehr geben, der Trend geht erst einmal in Richtung Dezentralisierung mit vielen kleineren Energiequellen an unterschiedlichsten Orten, wobei das auch nicht unbedingt alles regenerative Quellen sein müssen. Eine gute, in meinen Augen aber viel zu wenig beachtete Alternative zu den großen Kohlekraftwerken stellen z.B. Gasturbinen dar, die neben erheblich weniger CO2-Ausstoß große Vorteile bezüglich schneller Anfahrzeiten und guter Effizienz auch bei kleineren Baugrößen haben, was sie geradezu prädestiniert, um in einem stark dezentralisierten Energieversorgungsnetz als Ausgleich für die schwankenden Erträge vieler regenerativer Energiequellen zu dienen. Erdgas ist außerdem auch noch im Vergleich zu beispielsweise Öl relativ reichhaltig vorhanden, nicht zuletzt durch neue Fördertechniken wie Hydraulic Fracturing (ich weiß, das hat seine ganz eigenen Probleme, allerdings sind die potenziell in den Griff zu bekommen - wichtig ist erst mal, dass der Rohstoff überhaupt "da" ist). Und der verbleibenden CO2-Problematik ist letzlich auch mit technischen Mitteln allemal besser zu begegnen als einer Verstrahlung von Mensch, Tier und Land, gegen die man ganz genau gar nichts ausrichten kann.
Aber sehen wir mal, was die nächsten Wochen so bringen, sowohl in Sachen Japan als auch in der heimischen Politik. Die Landtagswahlen in Baden-Württemberg sind gerade jedenfalls nochmal deutlich spannender geworden, nachdem schwarz-gelb jetzt nach der Stuttgart-21-Geschichte und dem Guttenberg-Fiasko mit den Atom-Mappus das Triumvirat der unpopulären Positionen komplettiert hat. Wie sehr denen gerade der Arsch auf Grundeis geht sieht man an den ungewöhnlichen weil erstaunlich schnellen Zugeständnissen, mit denen selbst die Opposition nach der Erfahrung in der Guttenberg-Salamitaktik-Posse jetzt etwas überrumpelt zu sein scheint (wobei...wenn man mal genau auseinandernimmt, wie da "zugestanden" wird, scheint das wohl auch eher hektischer Aktionismus denn reale Einsicht zu sein - also alles wie immer). Aber so ist das eben, wenn man aufs falsche Pferd gesetzt und gehofft hat, es passiert bis zur Ziellinie nix.
Dass Japan das schlimme Schicksal ereilt, als "Tschernobyl der Moderne" in die Geschichte einzugehen, konnte in der Tat niemand wissen.
Update: Ah, gut zu wissen dass ich nicht der Einzige mit dieser Meinung bin.
Dem Rene sein Blog
...über Software- und Webentwicklung, Netzpolitik, Security-Theater, Computergaming und 42 weitere Sachen
Wenn dem Atomstrom das Licht ausgeht
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